Sozioökonomische Szenarien für die Schweiz (SSPs-CH)

Szenarioentwicklung

Die Zukunftsforschung kennt verschiedene Methoden und Ansätze: kurzfristige Prognosen, mittelfristige Trendanalysen, normative Zielszenarien oder Visionen und Wunschszenarien. Die SSPs-CH dagegen, sind explorative Szenarien: sie sind in sich konsistente, plausible und gut unterscheidbare Szenarien, die unterschiedliche mögliche Entwicklungen ausloten. Dies soll helfen, heutige Herausforderungen zu identifizieren und Handlungsoptionen zu abzuleiten. 

Die SSP-CH enthalten keine Best- oder Worst-Case-Szenarien. Alle beschriebenen Zukünfte enthalten sowohl positive als auch negative Aspekte. Jedes Szenario ist in sich konsistent, wobei auch alternative Kombinationen einzelner Ausprägungen denkbar wären. Die vorliegenden Kombinationen an Entwicklungen wurden so zusammengefasst, dass sie konsistent sind und zusammen einen breiten Zukunftsraum abdecken. Es werden keine Aussagen zu Eintrittswahrscheinlichkeiten der Szenarien gemacht – es ist also nicht möglich und auch nicht zweckdienlich, einzelne Szenarien isoliert als Planungsgrundlage zu nutzen. Vielmehr dienen die SSPs-CH dazu, verschiedene Entwicklungen innerhalb des Möglichen einander gegenüberzustellen und diese als Diskussions- und Entscheidungsgrundlage zu nutzen. 

Die SSPs-CH stützen sich – wie alle prospektiven Arbeiten – stark auf die Einschätzung und das Wissen von Expertinnen und Experten der für die Szenarien relevanten gesellschaftlichen Bereiche:

Grundlage für die Szenarien sind Fokusgesprächen mit 59 Wissenschftlerinnen und Wissenschaftlern aus 20 wissenschaftlichen Institutionen der Schweiz. Dabei wurden für 22 Faktoren mögliche zukünftige Ausprägungen (Projektionen) entwickelt. Diese Projektionen wurden anschliessend in einer softwarebasierten Konsistenzanalyse zu vier plausiblen, in sich konsistenten und voneinander gut unterscheidbaren Szenarien gebündelt, ein weiteres Szenario wurde aus den Projektionen in Anlehnung an die globalen SSPs abgeleitet. Diese Szenarien wurden anschliessend in fünf Workshops mit insgesamt 85 Teilnehmenden aus der Deutsch- und Westschweiz diskutiert, angereichert und konsolidiert.

Im Vergleich zu den globalen SSPs bestehen zwei wichtige Unterschiede: Erstens wird das Nachhaltigkeitsszenario in eine effizienzorientierte Variante (SSP1-CH) und eine auf veränderten Konsummustern basierende Entwicklung (SSP0-CH) aufgeteilt. Zweitens gilt der global angenommene fossil-innovative Pfad (SSP5) für die Schweiz als unplausibel; stattdessen beschreibt SSP5-CH eine wenig innovative, langfristig instabile Entwicklung. Ein SSP2 („Middle of the Road“) wurde aus methodischen Gründen nicht entwickelt.

Daraus entstanden sind die SSPs-CH, die hier in ihrer Kurzversion zu lesen sind:

SSP0-CH: Die genügsame Schweiz

Die Schweizer Bevölkerung beteiligt sich stark am politischen und gesellschaftlichen Leben. Sie hat einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn und ist solidarisch. Der Sozialstaat ist ausgebaut, das Vertrauen in politische Institutionen ist hoch. Die Menschen konsumieren weniger: Nutzgegenstände werden lange verwendet, Energie wird gespart, die zurückgelegten Wegstrecken pro Tag sind gesunken. Die Wirtschaftsleistung ist insgesamt zurückgegangen. Obwohl die Geburtenrate leicht gestiegen ist, hat die Wohnbevölkerung abgenommen: Aufgrund von gestiegener globaler Lebensqualität und reduzierten Arbeitsmöglichkeiten in der Schweiz wandern weniger Menschen ein. Weitreichende Umverteilungsmassnahmen haben die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Bevölkerung. Der Wohlstand und Lebensstandard sind gesunken, das Wohlbefinden ist hingegen hoch. Regionale Zentren und Stadtquartiere wurden gestärkt und bieten eine ausreichende Grundversorgung. Die Bevölkerung ist lokal verwurzelt. Der Selbstversorgungsgrad der Schweiz in der Lebensmittel- sowie Energieproduktion ist hoch, auch weil der Energieverbrauch stark abgenommen hat und sich die Ernährungsweise geändert hat. Lebensmittel werden ökologisch angebaut. Die politischen Beziehungen zur föderalistisch organisierten Europäischen Union (EU) sind eng, die Schweiz ist in europäische Aktivitäten eingebunden. Europäische und weltpolitische Herausforderungen werden international koordiniert angegangen. Die Weltwirtschaft ist weniger vernetzt als heute. 

Systemdiagramm SSP0-CH

Wirkungsdiagramme stellen die hohe Systemkomplexität und Wechselwirkungen einzelner Faktoren exemplarisch dar (kein Anspruch auf Vollständigkeit). Klicken Sie auf das Bild, um das interaktive Wirkungsdiagramm zu erkunden. Fahren Sie mit der Maus über die grauen Kreise der Verbindungspfeile und klicken Sie auf das Info-Zeichen, um Informationen zu den Parametern oder den Wechselwirkungen zwischen den Parametern zu erhalten.

SSP1-CH: Die effiziente Schweiz

Die Schweizer Gesellschaft stellt Effizienz und Nachhaltigkeit ins Zentrum. Politische Prozesse und Institutionen funktionieren verlässlich, die Bevölkerung vertraut beidem. Vereinheitlichte Verwaltungsabläufe haben dazu geführt, dass gewisse Kompetenzen stärker zentriert wurden. Die Wirtschaft hat sich mithilfe effizienzsteigernder Technologien zu einer Kreislaufwirtschaft entwickelt, der Ressourcenverbrauch und das Abfallaufkommen sind dadurch stark gesunken. Auch andere Gesellschaftsbereiche wie das Gesundheitswesen oder die Mobilität sind stark technologisiert und effizient organisiert. Hohe Innovationsraten und Effizienzgewinne führen zu einer hoch produktiven Wirtschaft. Die Gewinne aus dieser Produktivitätssteigerung kommen durch Rückverteilung der ganzen Bevölkerung zugute. Die Wirtschaftsleistung wächst stetig auf moderatem Niveau - auch aufgrund einer anhaltenden Zuwanderung bei stagnierender Geburtenrate. Die Flächennutzung ist sehr effizient organisiert. Die Städte sind stark verdichtet. Lebensmittel werden grösstenteils importiert.  Die noch vorhandene landwirtschaftliche Produktion ist technologisiert und nutzt Flächen optimal. Die Energieproduktion basiert zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energiequellen aus dem In- und Ausland. Die Schweiz pflegt enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zum Ausland, insbesondere zu der EU. Die Bevölkerung hält sowohl die individuelle Freiheit als auch das Gemeinwohl sehr hoch.

Systemdiagramm SSP1-CH

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SSP3-CH: Die konfliktreiche Schweiz

Der Wohlstand der Schweizer Bevölkerung hat abgenommen. Die Politik ist polarisiert, lösungsorientierte Kompromisse sind kaum möglich. Korruption und Klientelismus nehmen zu. Unternehmen und Staat investieren kaum in neue Technologien, was zu steigenden Preisen, sinkendem Export und sinkender Qualität führt. Der Zustrom ausländischer Fachkräfte ebbt ab, da Innovationen und Investitionen sinken, die Wirtschaftsleistung nimmt ab. Die Arbeitslosigkeit steigt, viele Menschen wandern aus. Wegen beschränkter staatlicher finanzieller Ressourcen werden sozialstaatliche Leistungen abgebaut. Investitionen in erneuerbare Energien und Landwirtschaft werden wegen fehlender Mittel eingestellt. Das Produktionsvolumen schrumpft und damit die Wirtschaft, viele Unternehmen wandern aus oder müssen schliessen. Internationale Beziehungen werden nur noch minimal gepflegt, die Schweiz ist zusehends isoliert. Die Grundversorgung der Bevölkerung wird immer schwieriger. Die Bevölkerung, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Städte gezogen ist, um dort Arbeit zu finden, kehrt zunehmend aufs Land zurück, um sich mittels Selbstversorgung abzusichern. Soziale Gruppierungen und Familienbande bieten soziale Absicherung. Konflikte um Ressourcen nehmen zu. Der Staat setzt seine spärlichen Mittel zur Wahrung der inneren Sicherheit ein. Die EU existiert noch, hat aber viele Mitgliedstaaten verloren. Auch international sind Vernetzung und Handelsabkommen stark reduziert; internationale Organisationen haben an Relevanz verloren.
 

Systemdiagramm SSP3-CH

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SSP4-CH: Die ungleiche Schweiz

Die Schweizer Gesellschaft ist gespalten. Eine Elite dominiert das wirtschaftliche und politische Geschehen. Diese ist international gut vernetzt und pflegt einen ressourcenintensiven Lebensstil. Aufgrund produktivitätssteigernder Technologien wächst die Wirtschaft bis ans Ende des Jahrhunderts. Von den daraus resultierenden Produktivitätsgewinnen profitiert hauptsächlich die Elite, während für den Mittelstand zunehmend Erwerbsmöglichkeiten wegfallen oder sich in den Niedriglohnsektor verlagern. Hoch spezialisierte Fachkräfte werden international rekrutiert, die Migration ist strikt geregelt und an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausgerichtet. Die Bevölkerung nimmt in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ab. Der starke Staat schafft optimale Rahmenbedingungen für die immer stärker auf den Export ausgerichtete Wirtschaft, während er sozialstaatliche Leistungen wie Bildung, Betreuung, Gesundheitsversorgung abbaut oder privatisiert. Der Zugang zu Grundleistungen und sozialer Absicherung ist nicht gesichert. Sie werden für einen Grossteil der Bevölkerung unerschwinglich. Dies führt zu grossen Unterschieden bezüglich des Ausbildungsstands und der Lebenserwartung. Die starke Polarisierung zeigt sich auch räumlich: Die Elite lebt in gesicherten, weiträumigen Quartieren, der ehemalige Mittelstand in dichten Agglomerationen. Insgesamt nimmt die Bevölkerungszahl ab. Energie importiert die Schweiz grösstenteils. Grosse industrielle Landwirtschaftsbetriebe bewirtschaften das Mittelland. Aufgrund der Aufgabe der Landwirtschaft in den Alpen und Voralpen entstehen grosse Freiflächen, die von Privaten genutzt werden oder verwildern. In der Bevölkerung nehmen soziale Spannungen zu.

Systemdiagramm SSP4-CH

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SSP5-CH: Die ressourcenintensive Schweiz

Die Schweizer Gesellschaft profitiert bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts von einer stark wachsenden Wirtschaft. Die Immigration ist hoch. Die Wirtschaft basiert auf herkömmlichen Technologien und fossilen Energieträgern. Ressourcen und Flächen sind stark beansprucht durch ressourcenintensive Lebensstile und Konsummuster, industrielle landwirtschaftliche Produktion und flächenintensive Verkehrsinfrastruktur. Grosse Städte und Agglomerationen dominieren das Landschaftsbild. Importe an fossiler Energie decken die hohe Nachfrage. Gegen Ende des Jahrhunderts werden die Handels- und Energieabkommen aus geopolitischen Gründen vermehrt gekündigt, die verbleibenden Partner erhöhen aufgrund begrenzter Ressourcen die Preise. Dies lässt viele Unternehmen abwandern oder schliessen, die Wirtschaftsleistung sinkt, der Wohlstand nimmt ab. Trotz sinkender Einkommen und Vermögen hält die Bevölkerung an ihren ressourcenintensiven Konsummustern fest, kann sich diese aber immer weniger leisten. Weil Sozialleistungen der öffentlichen Hand reduziert sind, kann der Staat den Wohlstandsverlust nicht auffangen, die Menschen beginnen auszuwandern und die Geburtenrate sinkt. Der Zusammenhalt in der Schweizer Gesellschaft ist schwach. Die internationale Konkurrenz um Ressourcen und Energie führt zu protektionistischen Massnahmen und Isolation der Schweiz. Gegen Ende des Jahrhunderts nehmen die Kosten durch die stark degradierte Umwelt zu. Immer öfter muss der Staat Massnahmen per Notrecht umsetzen, da schnelles Handeln erforderlich ist. 

Systemdiagramm SSP5-CH

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